· Lösen deine Träume in dir nicht Angst aus, sind diese nicht gross genug
· Es ist unwesentlich wie langsam du dich bewegst - wesentlich ist es nicht zu stoppen.
· Zweifle jeden Augenblick, entscheide dennoch.
· Ändere dich, und du veränderst die Welt.
. Wage es, heute den ersten Schritt zu tun um deine Träume wahr werden zu lassen!

Samstag, 19. April 2014

Marathon des Sables - Erfahrungen jenseits des Mentalen


Es war, so glaube ich mich zu erinnern 1998 als ich an meinem ersten Marathon teilnahm, dem K42 des Swiss Alpine Marathon. An der Startnummerausgabe, da sah ich dieses Logo. Das Logo des Marathon des Sables. Eine Frau trug ein Buff oder Ein T-Shirt mit DIESEM LOGO. Ein Buff oder ein Shirt, ich weiss es nicht mehr, doch das Logo mit seiner Bedeutung fand den Weg durch all meine Schutzschilder bis in mein Herz wo es sich fest setzte.

Genährt durch Leidenschaft und realisierte Träume begann es zu wachsen schlug Wurzeln und fand im Frühjahr 2013, ein paar Tage nach dem erfolgreichen Finsch des JUNUT 175k mit folgenden Worten den Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins: "Jetzt könnte ich es schaffen. Jetzt melde ich mich an". Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Alles andere war eine logische Folge dieser Ansage. Die Anmeldung, die Bereitschaft den Preis zu zahlen und letztendlich die ganze Vorbereitung und die Begegnungen mit all meinen Ängsten und Freuden im Vorfeld.

"Yesterday was THE easy Day!" So mein Slogan für den Marathon des Sables.





Tag 4 des Marathon des Sables. Heute ist Zahltag: 80 Kilometer Dünen Sand, Hochebenen, Berge Sand und nochmal Sand. Ich stehe 10 Meter vor dem Startbalken. Die Musik wummert aus den Boxen, am Horizont schwebt der Helikopter, und ich: Panik, Angst, mir zittern die Knie, ich weiss nicht wie das zu bewältigen ist, wie ich den nächsten Tag zu begehen habe. Reine Panik und Angst. Zahltag eben.


"Yesterday was THE easy Day!"




Habe den Mund wohl etwas zu voll genommen. Mein letzter Spruch auf Facebook war: "Is the Marathon des Sables ready 4 Me?"

Heute ist Zahltag!
Aus den Boxen grölt ACDC "Highway to Hell". Angst. Alle Läufer singen mit, wir tanzen als wäre es der letzte Abend vor dem Untergang. Highway to Hell! 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 und Loooosssss.... Alle rennen los als wäre es das letzte Rennen vor der Hölle.

"Yesterday was THE Easy Day!"




Geröllhalde, Berg mit Sand, Abstieg, Düne, ich liebe Dünen sie laden zum Surfen ein, sie sprechen mit mir. Sie fordern mich auf da zu laufen wo noch niemand lief, dort tragen sie mich am besten, lassen meine Stollen greifen, lassen mich mich nach vorne schieben. Leichtfüssig runter, surfend wieder hoch ein Traum. Dann der Übergang in die Ebene. Heiss die Mittagssonne über mir. Vor mir wie an einer Perlenkette aufgereiht die vorderen Läufer. Hinter mir das gleiche Spiel, ich träume ich umarme die Hitze, ich bin zu Hause. Am Horizont, in der warmen Luft flimmernd, glaube ich ein weisses Zelt zu erkennen. Der nächste Checkpoint and Watersuplie. Dort bekomme ich 3 Liter Wasser. Sehr gut!

Es ist heiss, wohl etwas über 40 Grad, genau gleich warm wie das Wasser dass durch meine Kehle rinnt. Wasser, ohne Wasser läufst du hier nicht lange, ohne Wasser bist du innerhalb kurzer Zeit trocken gelegt.
Ich trabe vor mir hin, geniesse diese Ebene, diese Unendlichkeit, in der Ferne der weisse Punkt der näher kommt. Mein Blick weicht auf den Boden. Als ich aufschaue merke ich dass ich nach rechts ziehe, immer wenn ich mein Fernziel aus den Augen lasse ziehe ich nach rechts....


Ein kleiner Anstieg, 3 Liter Wasser für 15 Kilometer. Das reicht, gut. Irgendwann drei Ebenen und drei Dünen weiter passiere ich ein Frau. Sie scheint unglücklich. Als ich sie anspreche sagt sie mir, dass sie sich beim Checkpoint gebückt hat und zuvor vergessen hatte Ihre Wasserflaschen zu schliessen. Nun muss sie mit der halben Wassermenge auskommen. Mein Wasser genügt mir selber grad so bis zum nächsten Checkpoint. Die Frau beschliesst zu wandern.
Nach einem Berg geht's ne Riesen - Sandfläche runter, wunderschönes Gleiten im Sand dann noch 2 bis 3 Kilometer Sand bis zum CP 45 Kilometer.

"Today is the easy day!"


Ich lege mich 10 Minuten hin, meine Füsse schmerzen und ich will ein Couscoussalat essen. Dauert 10 Minuten, also schlafen. Wasser auffüllen und weiter. Mein Tempo wird langsamer, die Fusschmerzen grösser. "Today is the easy day!" Scheiss Tag! Meine Blasen schmerzen! Scheiss Schuhe! Selber schuld! Hätte die Gamaschen intelligenter montieren sollen.

Nur noch ein Marathon. Noch ein Schritt und noch ein Schritt. Beat überholt mich. Er ist drei Stunden nach mir gestartet. Hammer der Mann. Er wird als gesamt 29er die Ziellinie überschreiten. Die Sonne geht unter. Ich klaube meine Stirnlampe hervor. Scheiss Schmerzen! Noch ein Schritt. Ich laufe wieder, langsam, aber ich laufe.
Checkpoint 69 Kilometer ist passiert. 11 Kilometer noch, Scheiss Schuhe, die Füsse schmerzen! "Today is the easy Day!" Scheiss easy day Tag.

Noch ein Schritt und noch ein Schritt. Wo ist dieser verdammte Balken! Die Strecke scheint nur aus verfahrenem Sand zu bestehen. Nirgends ist standfester Boden auszumachen. Die Füsse, die Füsse schmerzen, Scheisse! Ich denke an Menschen die aus kriegerischen oder wirtschaftlichen Ereignissen ihre Heimat verlassen müssen und weite Strecken zu Fuss bewältigen.
Eine Rechtskurve, am Horizon Licht, der Zielbalken. Noch ein Schritt noch ein Schritt. Hinlegen geht nicht. Alle Minuten würde mich jemand wecken und fragen wie es mir geht. Weiter, weiter! Sand, straucheln, weiter. Der Balken kommt nicht näher, scheisse der Balken scheint sich noch weiter zu entfernen!
"Today is THE easy day!" Scheiss Tag!
Ich will nur noch zu diesem sich entfernenden Balken. Dort ist das Heil, das Ende aller Schmerzen. Noch ein Schritt, noch ein Schritt. Nicht aufhören, ja nicht aufhören.
Der Balken verschwindet zur Hälfte hinter einer Erhebung. Ein Berg von einer Erhebung etwa zwei Meter Steigung! Noch ein Schritt, noch ein Schritt, ja nicht aufhören.

Plötzlich höre ich Stimmen, Musik Lachen, der Balken erhebt sich vor mir, ich laufe wieder, nicht schnell aber ich laufe die letzten 100 Meter, ich bin drin, zu Hause! 14h50 Minuten.

"Today was THE easy Day!"


Ich hole meine 4.5 Liter Wasser, gehe irgendwie zu meinem Zelt und klaube dort meinen Schlafsack aus dem Rucksack. Die Schuhe platziere ich als improvisiertes Kissen unter meinem Kopf, ziehe mir irgendwie meinen Schlafsack über und liege zitternd unter tausend Sternen. Alles ist gut. Am Morgen kommen die Zeltnachbarn Stück für Stück ins Ziel alle freuen sich, sind völlig kaputt. Die Augen strahlen. Sie haben etwas gesehen was wenige je sehen werden.
"Today was THE easy day!"

Nur noch ein Marathon. Die Boxen unter dem Startbalken wummern "let's dance" und alle tanzen mit. 3, 2, 1, Loooooossss..... und alle rennen als wär's ein 10 Kilometer Lauf. Ich bin leer, ich habe am Abend zuvor eine Käsefondue gelöffelt, meine Verdauung reagiert mit Durchfall.
"Today is THE easy day!" noch ein Zahltag!

Ich trotte vor mir hin, ich laufe wenig, wandere zügig. Die Füsse schmerzen ich will raus hier! 30 Kilometer to go! Irgendwie laufe ich von Posten zu Posten, versuche die Landschaft aufzunehmen. Es scheint als würde die Landschaft mich aufnehmen, mich in sich einverleiben, als würde ich Stück für Stück ein Teil von ihr. Ich werde Landschaft. Ich bin mit Sand belegt, werde rau und grau! Mein Gesicht fällt ein, weniger Gewicht. Noch ein Schritt, noch ein Schritt. Diese verdammten Schuhe!

Der letzte Anstieg, die letzte Düne, ich liebe Dünen. Das letzte Gel aufgehoben für die letzte Düne flutscht meine Kehle runter, dazu etwas warmes sehr warmes Wasser. Alles ist gut. Ich kann surfen, ich laufe wieder, die Düne trägt mich. Die Füsse schmerzen, die Düne lasst mich laufen. Ich renne, alles ist egal, der noch unbegangene Sand trägt mich, lässt meine Stollen in sich hinein. Noch 100 Meter, die Ziellinie ich weine vor Glück die Schuhe ausziehen zu dürfen, ich weine vor Glück es geschafft zu haben. Ich weine wie ein kleines Kind weil alles vorbei ist. Ich weine vor Freude weil ich diese Medaille bekomme.
"Today was THE easy day!"

Am letzten Tag findet der 7 Kilometer Benefiz Lauf von Terres des Hommes zugunsten von Misshandelten Kindern statt. Meine Fussschmerzen sind nichts im Verhältnis zu den Seelenschmerzen welche erwachsene Menschen Kindern und Teenagern zufügen. Wie klein müssen sich diese Erwachsenen fühlen wenn sie sich so verhalten....

"Today was THE hard day!"
STOP HURTING CHILDREN!



Nun bin ich eine Woche zu Hause. Dieser Lauf hinterlässt eine tiefe Kerbe in meinem Wesen, tiefer als ich vor dem Lauf angenommen habe, eine gute Kerbe! Sie bereinigte viele ungesunde kleinere Kerben, lässt vieles in einem anderen neuen Licht erscheinen.
Wasser, ohne Wasser geht gar nichts! Ohne Wasser sind wir tod!

Ohne Nachbarn, Zeltbewohner ist alles weniger spassig. Gemeinsam durch diese Erfahrung zu gehen ist besonders, speziell. Die Schutzschilder werden dünner, das wesentliche kommt in den Vordergrund, wird geteilt und weitergegeben. Das Verständnis meiner Zeltnachbarn für meine Eigenarten hat mich bewegt. Ihre Freundschaft zu fühlen, ihre Wertschätzung meiner manchmal schrägen Art bewegt mich.

Wir leben um zu teilen und uns auszutauschen und unser grösstes Potential frei zu legen. Mein Dank geht auch an alle die das Rennen mitverfolgt haben, an mich gedacht haben und mir Mails mit Zuspruch zu kommen liessen. Ohne Euch wäre alles viel einsamer.